Aus der Presse:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.06.2009, Nr. 26, S. 50
Mit dem Rabbi an die Spitze
Ein katholisches Bergdorf, die jüdische Gemeinde von Barcelona und ein
deutscher Kellermeister: Die katalanische Winzerkooperative "Celler de Capçanes" hat ihren Aufstieg zu einem der angesehensten Weinproduzenten Spaniens einem bemerkenswerten Zufall zu verdanken.
VON PETER BADENHOP
Jürgen Wagner hat die Geschichte schon oft erzählt. Vielleicht ein paar
hundert Mal. Aber der Neununddreißigjährige erzählt sie gern, denn es
ist nicht nur die erstaunliche Geschichte einer kleinen Winzergemeinde
in den Bergen Südkataloniens, die sich mit Hilfe eines koscheren Weins
einen Namen in der internationalen Weinwelt macht und zu einem der
bekanntesten Betriebe Spaniens wird. Nein, es ist auch seine
Geschichte, die des jungen deutschen Kellermeisters, der nach dem
Studium in die Welt zieht und ausgerechnet in einer 400-Seelen-Gemeinde
jenseits der Pyrenäen sein Glück findet.
Gut 13 Jahre nachdem er das erste Mal nach Capçanes
kam, vertritt Wagner heute nicht nur die Winzergenossenschaft bei
Tastings und Messen in Europa und der ganzen Welt - sondern im Grunde
das ganze Dorf. Denn von den achtzig Familien, die dort leben, sind
praktisch alle Mitglieder der Kooperative. Und so spricht Wagner, wenn
er etwa beim "Rheingau Gourmet Festival" Anfang März, ein paar Wochen
später bei der Fachmesse "ProWein" in Düsseldorf oder diese Woche auf
der "Vinexpo" in Bordeaux die Capçanes-Weine
vorstellt, nicht nur über die Produkte der Kellerei. Sondern auch über
die Menschen und ihr Dorf. Die Zuhörer sind meistens begeistert. Sie
mögen die kraftvollen, saftigen Rotweine, die in den modernen Kellern
der Genossenschaft ausgebaut werden. Und sie mögen die Story, die damit
verbunden ist. Weine mit Geschichte haben auf die Connaisseurs dieser
Welt schon immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt - selbst dann,
wenn sie noch so jung ist, wie in diesem Fall.
In Capçanes
hat Weinbau eine lange Tradition, bis ins Mittelalter reichen die
Anfänge. Vor der großen Reblausplage, die Anfang des 20. Jahrhunderts
alle Weinberge zerstörte, waren in den drei kleinen Tälern, die zur
Gemeinde gehören, rund tausend Hektar mit Reben bestückt. Nach der
Wiederbepflanzung, mit der die Weinbauern 1905 begannen, waren es nur
noch knapp ein Fünftel davon. Die Kooperative "Celler de Capçanes"
geht auf fünf Familien zurück, die sich 1933 zusammenschlossen -
begeistert von der damals in Katalonien aufkommenden
Genossenschaftsidee und getrieben von den veränderten Bedingungen des
Weinmarktes, der vor allem größere Mengen für den Export verlangte.
Doch der spanische Bürgerkrieg und seine Verwerfungen machten schon
bald alle Pläne zunichte; richtig Fuß fassen konnte die Kooperative
erst in den fünfziger Jahren. Als Trauben- und Tankwein-Lieferant kam
sie mit einigen sehr großen, namhaften Weinproduzenten ins Geschäft.
Als "poor man's port" wurden die fruchtig-fülligen, alkoholreichen
Tropfen aus den Bergen im Hafen von Tarragona abgefüllt und vor allem
nach England verschifft.
Doch auch dieses Geschäft wurde
zunehmend schwieriger. Anfang der Neunziger suchte die Genossenschaft
schließlich geradezu verzweifelt nach einer Alternative. Die Rettung
kam mit der jüdischen Gemeinde im etwa 120 Kilometer nordöstlich
gelegenen Barcelona. Ein zufälliger Kontakt zu einem Rabbiner brachte
die katholischen Weinbauern auf die Idee: Wir machen koscheren Wein, in
unserem eigenen Keller und von allerbester Qualität! Ein Wagnis
sondergleichen.
Wie groß es war, zeigt ein kurzer Blick auf die Anforderungen, die die
religiösen Gesetze an die Herstellung eines koscheren, also nach
jüdischem Verständnis "korrekten" Weins stellen: Die Trauben dürfen
nicht von Rebstöcken stammen, die jünger als vier Jahre sind, und im
siebten Jahr, dem sogenannten Sabbatjahr, dürfen keine Trauben geerntet
werden. Die letzten zwei Monate vor der Ernte darf nicht mehr organisch
gedüngt werden. Alle Geräte, die zur Ernte oder Verarbeitung der
Trauben dienen sollen, müssen unter Aufsicht von Rabbinern gesäubert
werden. Jegliche Zusätze wie Enzyme, Bakterien oder Gelatine sind beim
Vinifizieren unzulässig. Die Flaschen dürfen nicht mehrmals gefüllt
werden.
Die Kooperative ließ sich auf das Experiment ein, investierte in
moderne Technik, einen eigenen koscheren Keller mit eigenen Tanks,
Fässern und Gerätschaften - und produzierte mit dem "Flor de Primavera
Peraj Ha'abib" gleich im ersten Jahrgang einen Wein, der sensationell
gut ankam. Die Kritiker - nicht nur die jüdischen - überschlugen sich
förmlich in ihrem Lob für diese intensive, fruchtig-komplexe, zwölf
Monate in Barrique ausgebaute Cuvée aus Garnacha, Cabernet Sauvignon
und Cariñena. Mit einem Schlag fand sich Capçanes auf der Landkarte der spanischen und internationalen Weinkenner-Szene wieder.
Das Geheimnis des "Peraj Ha'abib" liegt im strengen "Lo
Mebushal"-Verfahren, bei dem (anders als bei den meisten anderen
koscheren Tropfen) der Wein nicht pasteurisiert wird, um ihn "rein" zu
machen, sondern die Erzeugung streng nach den rabbinischen Regeln
erfolgt. "Im Prinzip machen wir den Wein wie vor zweitausend Jahren -
ohne Zusätze, ohne Filtration, ohne Schönung, ohne alles", sagt Jürgen
Wagner. Den hatte es nach dem Studium an der Weinbauschule in
Geisenheim im Rheingau nach Spanien gezogen, wo er für einen Importeur
arbeitete, als er 1996 zum ersten Mal von dem koscheren Wein aus dem
katalanischen Bergdorf las. "Das musste ich probieren, und so bin ich
dann einfach mal hingefahren." Daraus ist eine dauerhafte Verbindung
entstanden. Inzwischen ist Wagner Genosse und als einer der drei
Kellermeister vor allem für das Marketing und den Export der Capçanes-Weine zuständig.
Mittlerweile macht der "Peraj Ha'abib", der als einer der besten
koscheren Weine überhaupt gilt und vor allem in Amerika (in erster
Linie in New York) und Kanada getrunken wird, nur noch wenige Prozent
der Capçanes-Produktion
von insgesamt rund 600 000 Flaschen im Jahr aus. "Aber er ist die
Grundlage für alle folgenden Weine gewesen - ohne ihn gäbe es uns heute
vielleicht gar nicht mehr", sagt Wagner. Abgesehen von der
Aufmerksamkeit der Fachwelt hat die Produktion des koscheren Tropfens
der Kooperative vor allem Knowhow und Selbstbewusstsein zum
Vinifizieren hochwertiger Flaschenweine gebracht. Der Spitzenwein
"Cabrida", ein in Barrique ausgebauter, reinsortiger Garnacha von
unglaublicher Kraft, Struktur und Fleischigkeit, erringt Jahr für Jahr
höchstes Kritikerlob. Aber auch die anderen Tropfen des Hauses finden
nicht nur in Spanien, sondern vor allem in Amerika viele Freunde. "Wir
exportieren inzwischen 80 Prozent unserer Weine, in etwa vierzig Länder
weltweit", sagt Jürgen Wagner.
"Celler de Capçanes"
ist nicht unwesentlich am Aufstieg des erst im Jahr 2000 geschaffenen
Herkunftsgebietes D.O. Montsant beteiligt, das zuvor zur D.O. Tarragona
gehörte, wegen seiner kleinteiligen, bergigen Beschaffenheit aber eine
ganz andere Struktur hat als die weitläufigen Flachlagen rund um die
Hafenstadt Tarragona. Von den rund 2020 Hektar Rebfläche in Montsant
gehören 230 Hektar zur Genossenschaft Capçanes;
sie sind überwiegend mit den autochthonen Sorten Garnacha und Cariñena
bepflanzt, es werden aber auch Tempranillo, Cabernet Sauvignon, Merlot
und Syrah angebaut. Weiße Sorten spielen praktisch keine Rolle.
Die Weinberge der Kooperative erstrecken sich in einer Höhe von 150 bis
600 Metern, meist in alten Terrassenanlagen und Steilhängen. Viele
Rebanlagen sind sechzig Jahre und älter, manche fast hundert Jahre alt.
Die einzelnen Mitglieder der Genossenschaft - 15 Prozent der Winzer
halten etwa 75 Prozent der Fläche - werden nach einem ausgeklügelten
System bezahlt, bei dem sowohl das Lesegut als auch die Jungweine
sorgfältig begutachtet und beurteilt werden - Qualität ist nach wie vor
der Schlüssel zum Erfolg von "Celler de Capçanes".
Jürgen Wagner hat hier sein Glück gefunden. Er hat geheiratet, seine
Kinder wachsen im Dorf auf. "Ich habe mich sofort in die Weine und in
das Dorf verliebt", sagt er. Eine Rückkehr nach Deutschland steht nicht
zur Debatte. Und Probleme mit der spanischen Mentalität? Nein, die gibt
es nicht. "Wissen Sie, die Katalanen sind die Deutschen Spaniens. Das
macht es leichter für mich."
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