Vergnügte, üppige Fruchtigkeit

Vergnügte, üppige Fruchtigkeit

Warum Rosé-Weine heute mehr sind als ein Kompromiss zwischen rot und weiß

Beim Rosé-Wein spielt die Farbe durchaus eine Rolle. Im besten Fall leuchtet er lachsrosa im Sonnenlicht in einer durchsichtigen Flasche, und schon allein dieses Leuchten sorgt für Feierabend-Sommer-Urlaubsstimmung. Seit etwa zehn Jahren sind Rosé-Weine, sowohl still als auch schäumend, wieder salonfähig¸ gleichzeitig ist die Qualität deutlich gestiegen. Trotzdem gibt es immer noch Paare, die im Restaurant Rosé bestellen, weil einer am Tisch Rotwein trinken möchte, der andere aber eher Lust auf Weißwein hat. Der meiste Rosé-Wein wird aber glücklicherweise nicht als Kompromiss, sondern als vergnügliches, lustvolles Erfrischungsgetränk für Erwachsene konsumiert.
Was Rosé-Wein tatsächlich ist, wie er entsteht, ist vielen Menschen dabei immer noch nicht klar. Manche halten ihn irrtümlich für einen verdünnten Rotwein oder einen gefärbten Weißwein. Die Wahrheit lautet: Wir haben es hier mit einer eigenständigen Geschmackswelt des Weines mit vielen Schattierungen zu tun.
Der wichtigste Punkt: Winzern in der EU ist es nicht erlaubt, Weißwein mit Rotwein zu färben und das Ergebnis als Rosé zu vermarkten. Von dieser Regel gibt es nur ganz wenige Ausnahmen, wie den württembergischen Schillerwein. Genauso verboten ist die „Verdünnung“ von Rotwein zu Rosé; ein solches Produkt kann nur als Rotwein-Schorle vermarktet werden (was aber gut schmecken kann). Viele billige Rosé-Weine aus Übersee hingegen werden durchaus als Rot/Weißwein-Verschnitt produziert (was nicht schlecht schmecken muss).
Die Farbe des Rosé-Weins stammt genau wie die des Rotweins aus den Beerenhäuten der Trauben, und aus diesem Grund kann Rosé nur aus blauen Trauben erzeugt werden. Abhängig von Traubensorte und Witterung, aber auch von der Arbeit des Winzers im Keller, kann ein Rosé-Wein eine sehr helle Farbe haben, die an Zwiebelschale erinnert, oder fast so tieffarbig wie ein Rotwein sein.
Manche Traubensorten wie der Spätburgunder (Pinot Noir) sind für erfrischende, leichtgewichtige trockene Rosé-Weine prädestiniert, weil sie recht wenig Gerbstoffe (Rotweingeschmack) enthalten, aber feine Fruchtaromen und genug Saure. Spätburgunder-Rosé ist zu Recht eine deutsche Spezialität. Vorsicht! Manche dieser Weine sind sehr trocken.
Weine, die die Frische des Nordens mit der Kraft des Südens verbinden, waren lange Zeit sehr selten. Inzwischen gibt es aber solche Rosé-Weine, wie den 2014er „Mas Donis Rosat“ von Capcanes in Monsant/Spanien. Die Farbe lässt einen intensiv an das Wort Erdbeermund denken, darauf folgt eine ähnlich vergnügte, üppige Fruchtigkeit (Erdbeer- Rhabarber lässt grüßen) – für Spaßverderber nicht empfohlen.
Von Stuart Pigott, Wochenendausgabe FAZ